Portrait

Marialy Pacheco ist eine in Havanna geborene exzellente Jazzpianistin. Nach einer klassischen Musikausbildung auf ihrer Heimatinsel Kuba entdeckte sie bereits mit 15 Jahren eine Vorliebe für die Jazzmusik. Auf Grundlage traditioneller kubanischer Rhythmen entwickelte sie ihre individuelle musikalische Ausdrucksform, mit der sie das Publikum auf eine Reise in ihre Heimatstadt Havanna mitnimmt. Das erste Album war eine Produktion mit Roberto Fonseca. Danach begeisterte Marialy auf unzähligen nationalen und internationalen Bühnen ihre Zuhörer und produzierte weitere Alben. Als erste Frau gewann sie 2012 den Klavierwettbewerb beim Jazzfestival in Montreux. 2014 erschien das Album „Introducing“, das sie mit Rhani Krija (Percussion) und Joo Kraus (Trompete) einspielte. Dieses Album enthält sowohl neu arrangierte kubanische Klassiker als auch Eigenkompositionen. Die Live-Premiere ihres aktuellen Albums "Duets" fand am 11.Mai 2017 in Köln, "Altes Pfandhaus", statt. Wer die Gelegenheit hat die Künstlerin live zu erleben, wird diesen Auftritt mit einer Symbiose aus einem leidenschaftlichen kubanischen Temperaments-Feuerwerk und technischer Brillanz so schnell nicht wieder vergessen.

Gespräch in Köln 2017

Tilo Herde, dpr:
Das ist immer eine meiner Eingangsfragen: Wie bist du zu der Musik gekommen? Oft wird einem quasi das künstlerische Talent in die Wiege gelegt oder manchmal kommt es zu einer Begebenheit, begeistert zu sein von Musik. War das bei dir zufällig oder bist du schon als junges Mädchen irgendwie an die Musik herangeführt worden? Wie ist das genau passiert?

Marialy Pacheco::
Meine Eltern sind beide Musiker. Meine Mutter ist Chorleiterin und mein Vater hat in Russland Operngesang studiert. In Moskau am Tschaikowski Konservatorium. Er hat vier Jahre dort studiert und ist dann nach Havanna zurückgekommen. In Havanna war er dann Artistic Director an der Oper. Und da hat er meine Mutter kennengelernt, die dort Chorleiterin des Opernchors war. Und meine Tante ist Gitarristin.

Von daher war Musik immer um mich rum – aber klassische Musik, nicht unbedingt Jazz. Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen. Ursprünglich wollte ich sogar Ballett machen, denn auch das Tanzen liebe ich. Doch mein Vater hat mich zu einem Konzert von Frank Fernandes – das ist ein berühmter, klassischer Pianist in Kuba – mitgenommen, da war ich ziemlich klein und beim Konzert war ich total begeistert von der Musik. Obwohl wir auch ein Klavier zu Hause hatten, welches noch aus Studienzeiten von meiner Mutter war, hatte ich nie wirklich drauf gespielt. Doch dann habe ich meiner Mama gesagt: Ich will nicht Ballerina werden, sondern ich will dieses Klavier spielen. Und so hat es angefangen. Meine Mama meinte: „Okay, wir nehmen dich mit zum Konservatorium.“

In Kuba haben wir ein total anderes System als hier in Deutschland oder anderen Ländern. Es ist dem aus Russland ähnlich. Es ist eine sehr disziplinierte und konzentrierte Ausbildung. Nur mit der Musik und dem Instrument das man spielt. Und da es nichts kostet, können die Lehrer strenger sein ohne Angst vor den Eltern zu haben. Im Vergleich zu anderen Ländern, in denen man für eine musikalische Ausbildung bezahlen muss und die Eltern sich ständig einmischen und sagen: „Wir bezahlen für den Unterricht und das Kind muss erst mal Hausaufgaben machen...oder die Oma hat Geburtstag“

Bei uns in Kuba ist es so, dass man dieses besondere Konservatorium 13 Jahre lang besucht. Von morgens bis um 12:30 Uhr hat man ganz normalen Unterricht, Fächer wie Mathematik oder Spanisch und nach der Mittagspause fängt es mit der Musik an. Dann hast du Klavierunterricht, Harmonie-Theorie, Klaviergeschichte, Musiktheorie, solche Dinge. Und das 13 Jahre lang, sehr diszipliniert und konzentriert. Das Schuljahr geht von September bis August und im Jahr gibt es drei Klavierprüfungen. Es werden fünf Stücke geprüft: einmal Barock, einmal Klassik, einmal Romantik, einmal zeitgenössisch und einmal nach freier Wahl. Nach den drei Klavierprüfungen werden alle Noten zusammengezählt. Und wenn man unter 50 Punkten liegt, dann besteht die Gefahr, dass man rausfliegt. Deswegen muss man sehr viel üben und das wirklich leben. Sonst fliegt man raus. Und wie gesagt, da es nichts kostet, haben die Lehrer in diesem System den Luxus zu sagen: den wollen wir haben, der ist gut und talentiert und ein anderer weniger den möchten wir nicht mehr.

Tilo:
Zum Beispiel einer der nur rum sitzt und Zeit klaut. Ja, hier in Deutschland ist das manchmal so, dass er sich das zwar finanziell leisten kann – aber nicht gut ist.

Marialy:
Genau und da er es bezahlen muss, kommt er wieder. Mit so einem System wie in Kuba oder Russland kommen nur die Schüler, die wirklich Musik machen wollen, die wirklich Talent haben, die das 100 Prozent machen wollen in die Schulen.

Tilo:
So bekommen alle eine Chance, die begeistert sind, die für ihr Instrument oder für die Musik brennen, wie man so schön sagt.

Marialy:
Genau. Aber es gibt viele die diesem Druck nicht standhalten können, dass ist vielen meiner Freunde so ergangen, denn die ganze Ausbildung dauert 22 Jahre. Erst 13 Jahre Konservatorium, darauf folgt die Hochschule für vier Jahre und dann geht es für fünf Jahre auf die Musikuniversität. Viele halten dem nicht Stand, da es sehr intensiv ist und nicht immer einfach. Ich hatte zum Beispiel nie viel Zeit etwas mit Freunden zu unternehmen, denn ich musste jeden Tag mindestens drei Stunden Klavier üben und davor war ich bis 17 Uhr in der Schule und dann kamen ja auch noch die normalen Hausaufgaben.

Tilo:
Aber heute merken wir, dass es dies Wert war. Denn genau das kommt ja dann dabei raus. Da ist jemand, der technische Brillanz besitzt, der aber auch eine persönliche Note mit einbringt. Das alles kommt in einem Konzert rüber und das habe ich ja auch schon bei dir erleben dürfen, da ist ganz viel Herzblut mit dabei. Auch eine Frage die ich mir stelle: Warum gerade Piano? Ich kann mir denken, dass es sich besonders gut eignet um Emotionen auszudrücken.

Marialy:
Ich denke alle Instrumente können das. Aber eigentlich nicht nur Instrumente, man kann auch Emotionen beim Singen oder Malen ausdrücken. Ich glaube da gibt es viele Wege. In meinem Fall ist es eben die Musik und das Piano – das ist mein Instrument. Ein Schlagzeuger würde dir sagen: mit dem Schlagzeug kann ich auch meine Emotionen ausdrücken. Es ist einfach sehr persönlich und sehr individuell, wie man sich ausdrückt.

Tilo:
Ich habe ja schon mit vielen Pianistinnen gesprochen und diese haben immer betont, dass Piano sei so vielfältig und speziell, man kann Rhythmus darstellen und/oder Melodie, einfach eine große Bandbreite rüberbringen und deshalb fällt es so leicht sich auszudrücken. Und deswegen ist das auffällig, dass also viele gute Pianistinnen also auch sagen:Ja das ist mein Instrument.

Marialy:
Ja, für mich natürlich, schließlich spiele ich seit ich fünf bin. Es ist das beste
Instrument, das es gibt. Meine beste Freundin würde mir widersprechen, sie spielt Flöte und würde behaupten: nein, Flöte ist noch besser, denn da kannst du dies und jenes tun.

Anna Falderbaum, dpr:
Das Dilemma ist groß. Allein die Gitarrenspieler, die immer sehr begeistert von ihrem Instrument sind.

Marialy:
Klar. Oder Bass. Es ist immer sehr individuell. Aber es ist doch so, dass ich beim Klavier die Fähigkeit habe alles zu spielen. Im Vergleich dazu steht eine Geige oder Flöte; die brauchen fast immer eine Begleitung. Für mich ist ein Klavier wie ein kleines Orchester. Du kannst perkussiv spielen und hast zusätzlich die ganze Bandbreite an Tönen.

Anna:
Du hast deine eigene Begleitung.

Marialy:
Genau, wie ein Orchester und das macht ein Klavier sehr besonders.

Tilo:
Ja, besonders ist es; das haben wir ja auch schon live erleben dürfen.
Zur nächsten Frage. Wir haben ja bereits festgestellt, dass du viel Unterstützung im persönlichen Umfeld und der Familie bekommen hast, doch ist es auch elementar bedeutsam - um erfolgreich zu werden - dass man zum richtigen Moment seinen großen Lehrer findet, mit dem man arbeiten darf. Oder vielleicht auch ein Vorbild, mit dem man vielleicht sogar auf der Bühne stehen darf. Nur dann kann man reifen und sich entwickeln. Wie war das bei dir? Hast du dieses Idol gehabt?

Marialy:
Ja ich habe dieses Idol gehabt, Keith Jarrett, aber ich habe ihn noch nicht persönlich kennengelernt. Durch seinen Einfluss habe ich von der Klassik zum Jazz gewechselt. Ich habe das Köln Concert das erste Mal gehört als ich noch in der Hochschule war und das war für mich ein Life-Changing-Moment. Ich wusste nicht wirklich was das ist. Ich wusste damals noch nicht mal wer Keith Jarrett war – in Kuba ohne Internet, eine kleine Insel, kommunistisches System, ich kam nur an sehr wenig Informationen. Es ist mir peinlich das zu sagen – ich wusste damals wirklich nicht, wer Keith Jarrett war. Meine Tante hat mir dann eine Platte aus Spanien mitgebracht und ich bin total ausgeflippt.

Ich war ohnehin an dem Punkt wo ich mich entscheiden wollte, ob ich weiter gehe auf die Uni und ob ich noch weitere fünf Jahre klassisches Klavier mache oder ob ich Komposition studiere. Entschieden habe ich mich für Komposition, damit ich mehr auf Jazz-Konzerte gehen und meine Sache machen konnte. Ich bin einfach noch ein Fan davon, dass man als Musiker immer seinen eigenen Weg finden muss. Und du hast eben von Erfolg gesprochen, für mich – und das ist meine persönliche Meinung – ist es eine der wichtigsten Sachen, um Erfolg zu haben, dass man was macht als Künstler oder als Musiker, das nur du auf diese Art und Weise machst. Es lohnt sich nicht, dass ich wie Keith Jarrett spiele oder wie Oscar  Peterson – warum auch?

Tilo:
Ja. Dann wird es authentisch sein und seinen Weg finden.

Marialy:
Genau. Authentisch ist sehr wichtig.

Anna:
Man hat ja auch selber irgendwas zu sagen. Man hat ja auch seine eigene Geschichte und möchte selber gehört werden und nicht nur etwas „nachmachen“.

Marialy:
Ja klar. Aber es muss authentisch bleiben, damit es nicht gekünstelt wirkt. Ich habe zum Beispiel viele Bands gehört – nicht nur hier in Deutschland, auch in anderen Ländern zum Beispiel habe ich auch in Australien gelebt und dort gab es irgendwelche Flamenco-Bands oder die spielen Bossa Nova und du denkst: nee, lasst es bleiben. Die können zwar alle richtigen Töne spielen, die können sogar das „Gefühl“ haben und sich Mühe geben – aber es fehlt trotzdem etwas. Sowas muss man einfach im Blut haben und es gehört natürlicherweise zu dir. Man muss Wurzeln haben damit du nach ihnen graben kannst und dann dein Ding machen kannst. Wir in Kuba haben das Glück ein sehr starkes musikalisches Erbe haben, worauf wir immer zurückgreifen können – und in meinem Fall auf meine Art und Weise dies nochmal ausdrücken kann. Aber dieses Erbe, diese Wurzeln, die kann ich nicht ablegen in meiner Musik. Man hört ich komme aus Kuba und das ist immer da. Das meine ich mit authentisch bleiben und das ist wichtig für mich.

Tilo:
Das glaube ich, ist das Erfolgsrezept, nicht etwas nur zu kopieren und nachzuspielen, sondern sich auch selbst einzubringen. Und du komponierst ja auch selber. Du schreibst und bewegst dich ja in diesem kompletten Umfeld. Du spielst natürlich auch schon mal Dinge von anderen. Mit deiner eigenen Art, mit deinem eigenen Arrangement, mit den eigenen Interpretationen. Aber immer wichtig: auf eine ganz spezielle Art und nicht einfach kopiert oder nachgespielt.

Marialy:
Ja. Kopieren ist schlecht. Und das passiert so oft. Allein in der Popmusik, wenn du alle Top-Ten-Hits aus den letzten fünf Jahren aufeinander legst, klingen die alle gleich. Die Produzenten haben das studiert und die wissen was funktioniert und was nicht und machen immer weiter das gleiche. Und ich frage mich: warum? Man kann so viele interessante Sachen machen. Musik ist so vielfältig... es gibt nicht genug Zeit im Leben, um gute Musik zu hören, etwas Interessantes zu machen. Und man hört immer das Gleiche und kopiert sich zum Schluss selbst.

Tilo:
Ja. Das ist dann noch das allerschlimmste. Man muss sich ja selbst auch weiterentwickeln oder neue Wege beschreiten. Du hast ja auch alle Dinge probiert. Du hast mit großen Orchestern gespielt, du hast im Trio gespielt und als Solistin. Und im Moment hast du ja so dein Augenmerk gehabt für dieses Jahr - das Duett. Wie ist es dazu gekommen?

Marialy:
Das war ganz einfach, ganz banal. Ich habe einfach darüber nachgedacht: was habe ich noch nicht gemacht? Ich habe Solo-Platten, Trio-Platten gehabt und dachte, ich habe noch keine Duett-Platte aufgenommen und das habe ich dann probiert. Der erste Gedanke war: mit wem will ich spielen? Dann habe ich eine lange Liste gemacht und an meinen Manager Klaus weitergegeben und gesagt: das sind die Künstler, die ich mir wünsche, mach fertig. Es gab viele, die nicht kommen konnten, leider. Michel Camilo war eingeladen, leider hat es zeitlich nicht bei ihm gepasst. Aber mit Michel bin ich noch in Kontakt. Er hat eine meiner Platten bekommen und hat mir sogar eine persönliche E-Mail geschrieben, er war sehr begeistert. Ich wollte auch Marisa (?) dabei haben, aber das war auch schwierig. Aber alle anderen haben mir sofort zugesagt und das war auch für mich eine große Ehre. Denn viele von den Künstlern habe ich erst im Studio kennengelernt, zum Beispiel Hamilton de Holanda habe ich im Studio zum ersten Mal kennengelernt. Für mich war das ein unglaubliches Erlebnis, denn als ich 2005 das erste Mal in Deutschland war und das erste Mal in meinem ganzen Leben Internet hatte, habe ich alle Videos von Hamilton de Holanda immer und immer wieder angesehen. Und dann zwölf Jahre später, sehe ich ihn im Studio und der spielt mit mir auf meiner Platte. Das war total surreal. Wow, das gibt es doch gar nicht. Das war echt richtig heftig. Auch Miguel Zenon habe ich erst im Studio kennengelernt. Das war sehr besonders, denn wir haben die Stücke durchgespielt und nicht bearbeitet. Ich habe mit den Künstlern alle Stücke mehrfach gespielt und mich zum Schluss für eine der Aufnahmen entschieden aber nicht weiter bearbeitet. Das Besondere daran, dass ich ja viele Künstler erst im Studio kennengelernt habe: Und doch war es so als kannten wir uns schon lange. Es hat funktioniert. Musikalisch und auch menschlich.

Tilo:
Sofort aufeinander eingestimmt und es passt irgendwie. Obwohl man noch gar nicht zusammen irgendwas gespielt hat. Da muss man sehr gut sein und die Emotionen müssen passen. Und man kann sich aufeinander einstellen. Aber in dem Zusammenhang hattest du dann auch, glaube ich, noch mit Omar Sosa gearbeitet? Ein großer begabter Künstler mit einer Bandbreite und mit unheimlichen Talenten.

Marialy:
Omar Sosa, ja klar. Unglaublich. Omar war auch so ein Fall. Ich habe damals, als ich dann mit dem Jazz angefangen hatte, eine VHS-Kassette von einem seiner Konzerte in Europa bekommen und ich weiß noch, ich habe dieses Video so viele Male gesehen, dass es irgendwann nicht mehr ging. Die Kassette war total kaputt. Es war eine so megagroße Ehre mit Omar aufzunehmen. Das ist eine andere Generation. Als ich mit Jazz angefangen habe, war schon Omar Sosa in Europa und der Welt bekannt. Noch mehr geehrt gefühlt habe ich mich, als Omar mir im Studio gesagt hat, dass er sehr ungerne mit anderen Pianisten spielt. Nicht dass er es nie tut, aber er macht es nicht oft und er hat sogar mit keinem anderen Pianisten aufgenommen. Mit mir war es das erste Mal. Ich dachte ich weine gleich. Das war eine so große Ehre, dass er mit mir zum ersten Mal aufnimmt. Und bei der Aufnahme ist es nicht geblieben: Wir haben schon Konzerte für nächstes Jahr geplant. Mal gucken wie das wird, wir sind noch in der Vorbereitung, was wir spielen. Ich bin gespannt wie das wird.

Tilo:
Aber ich glaube das ist auch ein interessanter Weg. Also, wir haben ja das eine Konzert erlebt mit deinem Bruder an einem Piano. Also auch das war eine Begabung.

Marialy:
Ich weiß. Er hat einen ganz anderen Stil. Mein Bruder ist ein eher wild, er spielt aber sehr, sehr talentiert.

Tilo:
Also, das war auch eine ganz neue Erfahrung, ein Duett in dieser Art zu erleben. Vierhändig und dann mit ganz unterschiedlichem Herzblut. Beide natürlich voller Begeisterung, aber man merkte schon den Unterschied. Aber das war ein tolles Erlebnis. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass dieses wieder gut ankommt, wenn man es noch mal so bringt. Oder auch mit einem anderen Pianisten zusammen, wo es unheimlich gut miteinander harmoniert. Das spürte man natürlich auch. Ja also das war wirklich sehr, sehr schön zu erleben.

Das war jetzt einfach mal was, was ich so generell über Kuba sagen würde – trotz manchmal schwieriger Lebensumstände, du sagtest ja auch, ihr seid manchmal etwas abgeschottet gewesen oder auch in Situationen, wo manches vielleicht nicht so perfekt läuft – aber ich glaube diese Herzlichkeit, diese Lebensfreude und dieser Hang oder dieser Drang, auch diese Lebensfreude in Musik zu kommunizieren und auszudrücken, das eben speziell – wie Du ja selber schon gesagt hast – etwas, was man aus Kuba einfach mitbringt.

Marialy:
Ja.

Tilo:
Dort gibt es glaube ich keinen schlecht gelaunten Musiker.

Marialy:
Doch, klar gibt es die. Das sind doch auch nur Menschen dort. Natürlich sind wir sehr positive Menschen von Natur aus, aber das bedeutet nicht, dass wir nie unzufrieden oder schlecht drauf sind. Nicht alles ist so rosa gemalt, wie man sich das vorstellt. Es ist nicht so, dass alle den ganzen Tag lang tanzen und singen. Das Leben ist schwierig dort und es ist nicht immer alles rosa. Ich lebe hier in Deutschland seit zwölf Jahren und ich liebe Deutschland – ich bin ja jetzt auch Deutsche mit Pass und allem – und das ist für mich meine zweite Heimat, wo ich auch zu Hause bin. Ich bin verheiratet, ich habe hier meine Arbeit, meine Musik, meine Kollegen, meine Freunde.

Worüber ich mich oft ärgere ist, wenn die Leute in Kuba sagen: Oh, die Deutschen sind kalt. Es ärgert mich, da es total falsch ist. Die Deutschen fühlen genauso wie wir, auch genauso stark. Genauso können sie Romantiker sein, Lachen laut und weinen. Es ist nur eine andere Art und Weise. Wir Latinos sind ziemlich offen mit unseren Gefühlen, wir haben keine Angst Gefühle zu zeigen, dass ist einfach kulturell so bedingt. Wir sind so gemacht. Aber das bedeutet nicht, dass die Deutschen oder Europäer das nicht machen. Die machen das auf eine andere Art und Weise. Und manchmal – passiert auch oft bei Latinos, – da kann man nicht wirklich unterscheiden. Zum Beispiel sagen wir sehr viel: ich mag dich oder ich lieb dich. Das bedeutet nicht wirklich, dass ich dich liebe in dem Sinne von: ich liebe dich. Das bedeutet: ich hab dich lieb. Und da wir es so oft sagen verliert es an Wert. Aber wenn ein Deutscher dir sagt: ich liebe dich, dann meint er das so, dann kannst du das ziemlich ernst nehmen. Und da denke ich: das ist echt was Besonderes. Wenn die das sagen, dann meinen die das wirklich. Wir sagen das manchmal einfach so und meinen das nicht wirklich.

Tilo:
Korrekt. Ja. Für uns Deutsche mal interessant zu hören, weil wir ja immer den Eindruck haben, wir wären ein bisschen hölzern und wir wären ein bisschen verstockt.

Anna:
Noch nie drüber nachgedacht. Aber es stimmt. Also wenn man es so betrachtet, dann kommt das schon hin. Eigentlich sind wir da relativ ehrlich. Und wenn wir dann mal Gefühle zeigen, dann sind die Gefühle auch so gemeint.

Marialy:
Genau. Und das liebe ich an den Deutschen: Diese Ehrlichkeit. Ich bin ja mit einem Deutschen verheiratet und ganz am Anfang habe ich alles immer ziemlich persönlich genommen. Ein Beispiel, wenn ich ihn gefragt habe: willst du mich zum Bahnhof begleiten? Nö. Punkt. Und ich dachte mein Herz ist gebrochen. Wieso bist du so gemein? Aber er ist nicht gemein. Man hat gefragt, willst du mitkommen oder willst du nicht mitkommen und seine Antwort: nein, ich will nicht mitkommen. Das ist nichts Schlechtes. Was sagt eine Latino? Man fragt: willst du mitkommen? Er will nicht, denn er hat keine Lust, aber er sagt nicht Nein, er sagt: oh weißt du ich habe was zu tun, aber wenn ich was ... ja, vielleicht ... ja, jetzt passt es dann nicht wirklich, aber vielleicht ... mal gucken ... ja, weißt du, ich komme doch. Und am Ende kommt er, obwohl er nicht kommen möchte. Wir können nicht Nein sagen. Das ist unsere Natur. Wir versuchen da so einen Weg drum herum zu finden, ein ‚Nein’ so schön wie möglich zu verpacken, dass es nicht nach ‚Nein‘ klingt und zum Schluss ist es ein ‚Jain‘. Und das finde ich nicht so gut, das habe ich hier gelernt. Dafür bin ich sehr dankbar, dass es so ist: Ja oder Nein.

Tilo:
Und dann weiß man wo man dran ist. Es ist eine Verbindlichkeit. Das ist interessant, mal von einer ganz anderen Warte uns selber zu sehen, wo wir immer denken: ja wir sind doch so ganz schwierig und wir sind gar nicht emotional.Aber es ist gar nicht so?

Marialy:
Nein. Guck mal, Maler oder Brahms. Wenn man das liest, das waren alles Deutsche, wenn das nicht emotional ist.

Tilo:
Ich kenne ja auch viele Künstler im Verwandten- und Bekanntenkreis – es sind alles emotionale Menschen.

Marialy:
Ja klar. Die Sache ist, dass wir Afrika in unserem Blut haben. Ich kann es nicht richtig beschreiben… wenn man das hört, kann man nicht sitzen bleiben. Und wenn ich die Musik von Kuba spiele, kann ich einfach nicht sitzen bleiben. Es ist mehr als nur spielen. Es ist irgendwie eine Energie, die von den Füßen bis zum Kopf hochsteigt und irgendwie ganz natürlich aus dem Herzen. Und das ist bei den Deutschen oder bei vielen Europäern halt zurückhaltender. Ich vermute, dass kommt durch den ganzen Zweiten Weltkrieg. Eure Volksmusik ist auch daran kaputtgegangen.

Tilo:
Ja. Man hat sie versteckt. Folklore wurde versteckt.

Marialy:
Und dieses ganze Tanzen und Singen und so wurde von euch weggenommen. Und vielleicht ist es deswegen nicht mehr so präsent. Aber die großen Komponisten, die allerbesten Komponisten – unsere Geschichte waren Deutsche – die waren alle sehr emotional und sehr leidenschaftliche Romantiker.

Anna:
Aber der Musikunterricht sieht ja bei uns auch ganz anders aus. Und wie gesagt, bei euch in Kuba ist es ja kostenlos und wir müssen für diese Bildung bezahlen. Und der Musikunterricht hier in Schulen sieht definitiv nicht so aus als dass man die deutschen Musiker oder deutschen Komponisten anpreist. Das ist ja gar nicht vorhanden.

Marialy:
Ja, wenn man bezahlt, das ist das Problem. Man muss zahlen… aber hier gibt es auch kein System, wie wir es in Kuba haben. Ich habe schon zu meiner Mutter gesagt: Mama, ich will mega berühmt werden, ich werde – wenn ich die Power habe – mit dem Kulturminister reden im Parlament und vielleicht kriegen die was gebacken. Weil ich finde, so ein System hat wirklich seinen Sinn und es gibt genug Talente in Deutschland. Wenn man einfach sagen könnte: okay es ist kostenlos, aber hier kommen nur die Jungs und Mädels, die das wirklich wollen, die wirklich Talent haben, diese werden wir dann ausbilden.

Anna:
Ich finde es auch so schade. Ich glaube hier in Deutschland wird auch zu wenig gelobt: du bist gut. Oder: du kannst das gut machen, du solltest das fördern. Ich finde das geht total unter. Oder allgemein dass man die Möglichkeit hat, da gefördert zu werden – egal was für Umstände es sind – das wäre ein großer Schritt.

Marialy:
Die Sache ist, es ist schwierig von Musik zu leben. Mama und Papa sagen von Anfang an: entweder wirst du Rechtsanwalt oder Zahnarzt oder etwas ähnliches. Von Musik kannst du nicht leben. Und deswegen wird das wahrscheinlich auch nicht weiter gefördert, eben nur als Hobby.

Anna:
Selbst das wird vor allem hier in Deutschland immer weniger. Ich selber bekomme das ja viel mit. Nicht mehr viele lernen wirklich ein Instrument, weil die Schule dann andere Schwerpunkte hat und dieser liegt nicht auf der Musik. Und ich finde, es wird immer engstirniger. Das ist eigentlich schade, denn Musik hat ja – vor allem die Klassik oder generell klassische Musik – auch viel mit Mathematik zu tun. So blöd das klingt. Aber die ganzen Harmonien etc., das hängt ja alles zusammen. Dass man das so einfach abtut, ist schon traurig. Musik ist so wichtig. Das entwickelt nicht nur die Kreativität sondern auch Sensibilität.

Tilo:
Ja. Es wird immer so als Nebenfach gesehen. Als so nicht so wichtiger Schauplatz. Und es steckt so viel Emotion drin. Nicht zuletzt gibt es ja Musiktherapeuten und -pädagogen. Musik ist extrem wichtig.

Marialy:
Sehr wichtig. Was hat Nietzsche gesagt? Ohne Musik wäre das Leben ein Fehler. Hat der Nietzsche gesagt, vor gefühlt 150 Millionen Jahren.

Tilo:
Vielleicht kommen wir da mal wieder ein bisschen hin. Aber das ist generell unser Problem, auch in anderen Fächern. Wir trauen uns nicht zu sagen: du bist gut, du bist schlecht.

Marialy:
Genau. Ihr seid ehrlich, aber wenn es dazu kommt, jemandem zu sagen: du spielst nicht gut, mach besser vielleicht Pizzaverkäufer oder geh irgendwo anders hin, aber mit Musik wird es nichts für dich. Das geht sehr schlecht.

Anna:
Aber auch zu akzeptieren: darin ist eine Person gut und darin schlecht, dann heißt es nur, werde besser in dem was du nicht kannst. Warum kann denn nicht gesagt werden: okay hier bist du zwar schlecht, aber das andere kannst du echt gut wir unterstützen dich da. Nein, es heißt,  du musst in allem gleich gut, am besten in allem sehr gut sein. Die typisch korrekte Art der Deutschen halt.

Marialy:
Aber nichts ist perfekt. Es ist ein wunderbares Land, was ihr hier habt.

Tilo:
Dankeschön. Das ist ja schon mal für uns Balsam für die Seele. Denn wir - glaube ich - haben immer den Hang, uns selber so ein bisschen klein zu machen. Oder uns auch ein bisschen in die Ecke zu stellen.

Anna:
Wir sind ja auch so ein bisschen vertan. Wir haben ja immer noch diese ganze NS-Zeit so im Rücken und es wird uns in der Schule immer noch mit erhobenem Finger eingebläut, während andere Länder schon mit einer gesünderen Distanz zum Thema stehen, aber es deshalb keinesfalls vergessen haben.

Tilo:
Deswegen haben wir ein bisschen zu wenig Selbstbewusstsein in der Hinsicht, wo manche sagen: seid ihr eigentlich verrückt? Ist doch gut bei euch. Man kann gut leben, ihr habt viel Freiheit, ihr habt ein System mit einer irren Offenheit und einer multikulturellen Kultur.

Marialy:
Ja, es ist super. Wenn ich – egal wo ich bin – sage ich lebe in Deutschland: ohhh Deutschland, ja, oh schön, oh wow. Alle. Für mich eine mega große Ehre. Und jetzt habe ich einen deutschen Pass und bin noch mehr geehrt.

Tilo:
Ja aber das ist doch auch die wirkliche Migration. Das ist das, was wir uns vorstellen im Prinzip. Und das muss auch mehr rüber kommen. Egal wo wir geboren sind, aber wir sind Deutsche. So. Und wir schätzen das, was wir hier haben. Wir können ein wunderschönes Leben miteinander führen.

Marialy:
Und das Land zu schätzen und euer Land zu lieben und stolz zu sein, ist nicht schlimm. Ich bin auch stolz, Kubanerin zu sein. Ich fühle mich jetzt im Moment auch so frei. Jetzt kann ich wirklich sagen: ‚I am a citizen of the world.‘, weil ich es jetzt wirklich bin.

Tilo:
Ich kann jetzt so arbeiten und so musizieren weltweit wie ich möchte.

Marialy:
Genau. Und ich kann auch überall hingehen.

Tilo:
Und deswegen ist das für uns doch auch einmal sehr schön zu hören – außer dieser musikalischen Begabung natürlich – auch mal ein bisschen über den Tellerrand zu gucken als Mensch, als Kubanerin, die jetzt in Deutschland lebt und auch Deutsche ist. Und es war also bis jetzt schon ein wunderschönes Gespräch. Und ein Frage ... du bist ein quirliger Mensch, du hast Energien, du möchtest natürlich auch noch neue Dinge probieren – was hast du noch an Planungen für die nahe Zukunft? Was möchtest du noch umsetzen? Möchtest du noch mal das Duett vertiefen? Erweitern? Mit neuen Menschen arbeiten? Oder hast du schon wieder ganz neue Ideen?

Marialy:
Also ich möchte eine klassische CD rausbringen irgendwann mal mit meinem Lieblingskomponisten Bach. Ich habe 2014, in Australien, das Bach Klavierkonzert Nr. 7 gespielt in dem Queensland Symphony Orchestra – in g-Moll – und das möchte ich dann mal aufnehmen. Vielleicht noch die Goldberg Variationen, da arbeite ich noch in bisschen dran. Aber es sind 32 Variationen, das dauert ein bisschen, aber ich liebe Bach. Es ist echt mein großer Held. Nicht nur kompositorisch, auch was er geschrieben hat für Klavier finde ich phänomenal – Genie – und ich spiele das täglich. Zum Aufwärmen spiele ich Bach. Keine Tonleiter, sondern Bach. Und für mich funktioniert es sogar besser als die Tonleiter. Ja, es ist wie Fitnessstudio für die Finger. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob wir ‚Duett 2‘ machen mit Künstlern, die dieses Mal bei der Platte nicht dabei sein konnten. Und eventuell kommt nächstes Jahr die Aufnahme vom Projekt Danzón Cubano zusammen mit dem WDR Funkhausorchester, denn die Aufnahme ist da und wartet herausgebracht zu werden.

Tilo:
Schön. Aber das ist dann wieder eine ganz neue Situation, eine neue Arbeit. Aber so kann man sich entwickeln. Und es bleibt interessant, es bleibt spannend. Als Musiker wachsen. Und das ist das Schöne. Also immer, wenn man schaut und ein Jahr vorbei ist, hat Marialy eine neue Idee und was Neues gemacht. Und es kommt bei dem Konzert dann auch immer so rüber. Wer noch nicht da war – so habe ich es auch schon bei uns geschrieben – sollte auf jeden Fall mal zu einem Konzert kommen. Weil eben genau das rüber springt. Es ist immer was los. Es ist Gefühl, es ist Herz, technische Brillanz. Und es erwartet einen immer etwas Neues.

Marialy:
Das hoffe ich.

Tilo:
Immer eine kleine Überraschung im Gepäck. Und deswegen ... ich bin dann nächstes Jahr auch wieder da. Herzlichen Dank auch für das Gespräch und die Zeit, die damit zusammenhängt.

Marialy:
Gerne, gerne.

Tilo:
Aber es war mir persönlich auch wichtig. Weil ich ein Fan bin. Weil es mir einfach Freude macht, zuzuhören, im Konzert zu sein und dann die Künstlerin persönlich zu befragen. Ein bisschen zu erzählen. Auch Dinge zu besprechen, die nicht nur mit Musik zu tun haben. Und wir auch sagen: prima, haben wir als Deutsche doch nicht alles falsch gemacht.

Marialy:
Auf keinen Fall.