In jedem Würfel steckt eine Kaaba

Stelle Dir eine riesige schwarze Kubus-Skulptur vor. Was nimmst Du wahr oder wie nimmst Du es wahr? Wie einen Würfel, ein Quadrat oder eine Kaaba?

„(...).Toll ist doch, dass in der Skulptur alles drin steckt. Es handelt sich um eine universelle Form, die frei ist für alle Interpretationen und kulturübergreifend fasziniert.(...)“ Gregor Schneider

Durch unterschiedliche Wahrnehmungen von Menschen entstehen Komplikationen. Im Rahmen der Veranstaltung "Die Kunst als Provokation" diskutierten am 22. September 2015 in der Bundeskunsthalle Bonn, bei Gastgeber Max Moor (ttt – titel thesen temperamente), zwei Künstler über die Frage - Was muss Kunst leisten? Wozu dient die künstlerische Provokation? Was nutzt der Skandal?

Gregor Schneider - (Arbeitsschwerpunkt gebaute Räume) sorgt oft für Diskussionen um Ethik, Moral und das politische Potential von Kunst.

Cesy Leonard - Leiterin der Berliner Kunstgruppe „Zentrum für Politische Schönheit“, die immer wieder mit ungewöhnlichen politischen Kunstaktionen provoziert und polarisiert.

Frei interpretieren heißt aber auch angstfrei wahrnehmen. Gibt es so etwas? Bei manchem Künstler schon. Gregor Schneider, Schöpfer des bekannten schwarzen Kubus (Cube) gewann 2001 den Goldenen Löwen für seine Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Kunstbiennale. Als er 2005 auf dem Markusplatz seinen schwarzen Kubus (Cube Venice) aufstellen wollte, sorgte das für einen Skandal. „Aus politischen Gründen“ wurde das Projekt von der Biennale-Leitung abgesagt, weil der schwarze Kubus an die Kaaba in Mekka, das höchste Heiligtum des Islams, erinnert. Die Kunstskulptur verursachte Angst; wegen Terrorgefahr wurde sie nicht in Venedig und später auch nicht in Berlin (Cube Berlin) gezeigt (bevor, dies hier der Vollständigkeit halber, er sein Projekt schließlich 2007 in Hamburg neben der Kunsthalle doch noch verwirklichen konnte – Cube Hamburg). Fast alle Medien haben über diesen Skandal berichtet, aber auf das Kunstwerk selbst verzichtet - erinnert der Künstler. Dabei reflektiert der Würfel

"(...) kulturelle Zusammenhänge zwischen dem Westen und der islamischen Welt. In jedem Würfel steckt eine Kaaba. (...)“

Gregor Schneider hat ein Kunstwerk geschaffen, das frei ist, das keine Angst und keine Skandale kennt. Trotzdem wurde das Projekt politisch missbraucht. Weil wir voneinander zu wenig wissen wollen, weil wir immer kurze und einfache Wege auswählen, entsteht diese Angst – Angst vor Fremdem bis hin zu Zensur in der Kunst.

„Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld.... Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“ Kasimir Malewitsch über „Das schwarze Quadrat“

Dieses Gefühl der Gegenstandslosigkeit empfand vielleicht auch Gregor Schneider, als er das Haus, die Geburtsstädte eines der fanatischsten Nationalsozialisten, Joseph Goebbels, kaufte, es Schicht für Schicht abtragen und den „Goebbels-Schutt“ auf einem LKW geladen nach Warschau, das die Nazis in Schutt und Asche gelegt hatten, transportieren ließ, um den „Goebbels-Schutt“ dort auszustellen, versehen mit dem Titel „unsubscribe“ (abmelden). „(...) Häuser spiegeln unser Seelenleben. Und Sie werden geschrieben wie Bücher. Häuser begreife ich wie Skulpturen. Es ist eine große Skulptursammlung, die sich über die Stadt verteilt (...)“ Gregor Schneider

Machen Künstler mit ihren politischen Statements die Kunst unfrei? Gregor Schneider kann aus eigener Erfahrung seit dem Cube sagen:

„Man muss als Künstler frei sein, um politische Statements abgeben zu Können.“

Aktion von der Kunst als fünfte Gewalt im Staate

Dies fordert das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS)- zum Schutz der Menschheit. Das ZPS gehört zu den innovativsten Inkubatoren politischer Aktionskunst und steht für eine erweiterte Form von Theater: Kunst muss wehtun, reizen, Widerstand leisten. In eine Begriffsallianz gebracht: Aggressiver Humanismus – so steht es auf der ZPS-Webseite – www.politicalbeauty.de

Cesy Leonard – (Leiterin ZPS) und ihr Team wollen mit künstlerischen Aktionen provozieren und damit die Gesellschaft zum einem anderen Denken bewegen. Vor den Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ließ Cesy Leonard ihre bekannte Installation „Weiße Kreuze“ aus dem Berliner Regierungsviertel hin zu den EU-Außengrenzen fliehen, im Sinne eines Akts der Solidarität der Mauertoten zu den 30.000 Toten, die die EU-Außenmauern seit dem Fall des Eisernen Vorhang bereits gefordert haben sowie zu den zukünftigen Toten an den EU-Außengrenzen. Cesy geht es hierbei darum, das selbstbezogene deutsche Gedenken um einen entscheidenden Gedanken zu erweitern: Die Gegenwart. www.politicalbeauty.de/mauerfall

Stelle Dir vor, eines Tages hast Du viel Zeit und Lust über Kunstwerke zu berichten, darüber zu Diskutieren und nicht süchtig nach Skandalen zu werden. Stelle Dir vor, eines Tages suchst Du nach Gründen für Kriege und berichtest schon darüber bevor die Konflikte entstehen. Stelle Dir vor, eines Tages hast du weniger Angst vor fremden Menschen, weil Du schon zuvor vernünftig verhandelt hast und weniger Waffen gebaut und verkauft hast.

“Imagine all the people
Sharing all the world
It's easy if you try…
You may say I am dreamer
But I am not the only one….”
(John Lennon, Imagine, veröffentlicht 1971)

November 2015 Inga Khapava