Wim Wenders. Sofort Bilder

New Yorker Parade, 1972, © Wim Wenders. Courtesy Wim Wenders Stiftung

Seit dem Jahr 2000 zeigt  C/O Berlin zeigt als Ausstellungshaus für Fotografie
immer wieder Überraschendes. Eine solche kulturelle Perle ist auch die Ausstellung „Wim Wenders Sofort Bilder“. die im Amerikahaus noch bis zum 23. September 2018 zu sehen ist. Wim Wenders, der große Ästhet und eine Polaroid-Kamera? Mit all ihren vermeintlichen technischen und künstlerischen Beschränkungen? Nicht nur, was ein kreativer Geist wie Wim Wenders auch mit Arbeitsmitteln wie einer Polaroidkamera und deren beschränkten Möglichkeiten anstellen kann, zeigt die Berliner Ausstellung.

Die Schau bei C/O Berlin präsentiert damit eine weniger bekannte Seite des großen Regisseurs und Filmemachers. Schon von Kindheit an befasste sich Wenders mit der Fotografie. Bereits mit sechs Jahren bekam er von seinem Vater eine Leica-Kamera geschenkt. So sammelte er früh Erfahrungen mit dem Medium Bild. Auch bei seiner Regiearbeit gehörte eine Fotokamera stets zu seinen Arbeitsmitteln. Seit Ende der 1960er- bis weit in die 1980er-Jahre hinein war Wenders‘ bevorzugter Kameratyp eine Polaroid-Kamera.

Seine Sofortbildkamera nutzte Wenders fast so vielfältig, wie heute ein Smartphone. Sie war beruflich und privat sein ständiger Alltagsbegleiter als Skizzen- und Notizbuch für persönliche Erinnerungen, als Reisetagebuch, zum Festhalten von Inspirierendem, Skizzenhaftem, zum Experimentieren und für Portraits von Freunden - mal ganz privat, mal bei der Arbeit. Ganz nebenbei dokumentierte Wenders so mit seiner Polaroid auch ein Stück Filmgeschichte.

Die Wenders-Fotos zeigen die mit einfachen Polaroid-Kameras geschossenen Sofortbilder als ganz eigene künstlerische Ausdrucksform innerhalb der Fotografie. Was nicht nur Wim Wenders an der Sofortbildfotografie reizte, ist die Unbestechlichkeit des Mediums.  Am Polaroid-Foto kann nichts verändert werden, es bildet ab, was in dem Moment des Auslösens da war. Da kann nichts retuschiert werden, keine Korrektur der Belichtung kann andere Stimmungen schaffen, kein Nachschärfen oder Weichzeichnen andere Schwerpunkte setzen.

Die sehenswerte Ausstellung „Wim Wenders Sofort Bilder“ umfasst 240 Polaroid-Fotos und wurde von Felix Hoffmann und Anna Duque y Gonzalez kuratiert. Sie entstand in Kooperation mit der Wim Wenders Stiftung und der Photographers Gallery London und wird in Deutschland ausschließlich bei C/O Berlin gezeigt. Die Polaroids werden ergänzt durch filmische Ausschnitte von Wim Wenders, die thematisch mit der Fotografie zu tun haben. 07-2018 Jäger-Dabek

C/O Berlin – Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin, Öffnungszeiten. täglich 11:00 bis 20:00 Uhr, www.co-berlin.org

Alice in Instant Wonderland, 1973, © Wim Wenders. Courtesy Wim Wenders Stiftung
Dennis Hopper, Hamburg, 1976, © Wim Wenders. Courtesy Wim Wenders Stiftung

Das Polaroid Projekt

Guy Bourdin, Charles Jourdan, 1978, C-Print, 88,9x116,8cm, © The Guy Bourdin Estate 2017/ Courtesy of Louise Alexander Gallery

Parallel zur Ausstellung „Wim Wenders. Sofort Bilder“, die den langjährigen vielfältigen Umgang des genialen Filmemachers mit seiner Sofortbildkamera in 240 Polaroidfotos dokumentiert, bietet die C/O Stiftung mit der Ausstellung „Das Polaroid Projekt“ eine weitere Schau, die sich mit dem künstlerischen Medium Polaroid-Sofortbilder befasst. Beide Ausstellungen im sind noch bis zum 23. September 2018 im Berliner Amerikahaus zu sehen.

„Das Polaroid Projekt“ beleuchtet die Epoche der Sofortbildfotografie, die von den 1960er bis in die 1980er Jahre reichte und zeigt die Wege des Polaroidfotos in die Kunst mit all den vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten. Polaroidkameras machten die ersten wirklichen Schnappschüsse. Auslöser drücken, auf das charakteristische Schnurren des Motors warten, das Bild aus dem Schlitz ziehen und die nur kurze Entwicklungszeit abwarten - fertig. Die Bilder halten einen Moment unveränderbar und somit unverfälscht fest.

Das Medium Polaroidfoto eröffnete Künstlern ganz neue Möglichkeiten. Solche Größen wie Andy Warhol entdeckten sehr schnell die neuen Möglichkeiten und wurden mit ihren neuen Arbeitstechniken prägend für die ganze Ära. Warhols Fotos waren nicht nur Vorlagen für seine Pop-Art-Bilder, sie dokumentierten auch seine Arbeit. Der Schauspieler und Filmemacher Dennis Hopper benutzte Polaroidfotos vor allem als Recherchewerkzeug, der britische Maler und Pop-Art-Erfinder Richard Hamilton nutzte sie zum Einfangen von Stimmungen, die er in seinen Bildern mit malerischen Mitteln umsetzte. David Hockney schuf aus einzelnen Fotovorlagen seine Stillleben-Mosaike, Charles Eames hielt mit seinen Sofortbildern geometrische Muster fest. Auch die Polaroids zahlreicher namhafter Fotografen wie von Arno Fischer, Amsel Adams, Nobuyoshi Araki, Gisèle Freund oder Gus Van Sant sind Teil der Ausstellung.

Doch die Ausstellung zeigt nicht nur 250 Polaroidfotos, die einzigartige Kunstwerke sind, sondern auch die technischen Aspekte, wie die dahinterstehenden Kamerakonzepte, die verschiedenen Kameratypen und ihre Technik. Begleitet wird die Ausstellung durch das im Hirmer Verlag erschienene bebilderte Buch, das zusätzlich zu 300 Polaroidfotos namhafter Künstler und Fotografen erweiterte Informationen zu den verwendeten Kameras gibt. Kuratiert und nach den Ausstellungen in Wien und Hamburg für Berlin ganz neu zusammengestellt wurde sie von Deborah G. Douglas, William A. Ewing, Barbara P. Hitchcock, Rebekka Reuter sowie Gary Van Zante. 07-2018 Jäger-Dabek

C/O Berlin - Amerika-Haus, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin, Öffnungszeiten. täglich 11:00 bis 20:00 Uhr, www.co-berlin.org

Sibylle Bergemann, Berlin, 2002 © Nachlass Sibylle Bergemann / Courtesy Loock Galerie, Berlin
Toto Frima, ohne Titel, 1980, Polaroid SX-70 Time Zero
© Toto Frima, Courtesy Fotosammlung OstLicht

Total Records. Vinyl & Fotografie

Download oder Online-Streaming sind heute der gängige Weg sich gewünschte Musikstücke zu beschaffen. Schnell ist mit ein paar Klicks auf einem der vielen Musikportale aus einem Riesenfundus von Millionen Musikstücken der gesuchte Song gefunden, heruntergeladen, angehört, gespeichert oder wieder gelöscht. Ein flüchtiges Unterfangen und weit entfernt von dem Gefühl etwas Wertvolles, nicht beliebig Replizierbares in Händen zu halten. Aber immer mehr Musikliebhaber finden wieder verstärkt Freude an der Mystik einer Vinyl-Scheibe, wie die in den letzten Jahren stark steigenden Umsatzzahlen bei klassischen LP`s zeigen. Einerseits ist es das besondere Klangvolumen, welches sich abhängig vom jeweilig eingesetzten technischen Equipment mit der analogen Technologie erzielen lässt, auf der anderen Seite ist es die Wahrnehmung des Musikalbums als Gesamtkunstwerk aus Musikaufnahme und Cover. Das Cover bietet den vertiefenden Identifikationsfaktor; es bildet praktisch den visuellen Verstärker, dessen was die Musik als Emotion transportiert und die Musiker dem Zuhörer als Botschaft mit auf Weg geben möchten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Künstler und renommierte Fotografen, aber auch bildende Künstler, oft gemeinsam an der optischen Gestaltung von Alben gearbeitet haben, welche später zu Pop-Ikonen avanciert und in unserem Gedächtnis haften geblieben sind.

Dieser Thematik widmet sich die Ausstellung „Total Records. Vinyl & Fotografie“. Vom 10.12.2016 bis zum 23.04.2017 präsentiert C/O Berlin erstmalig in Deutschland anhand von ca. 500 Exponaten das vielschichtige Zusammenwirken von Musik und Fotografie von den 1960 bis in die 2000er Jahre. Absolute Cover-Klassiker, exemplarisch erwähnt „Vier Männer auf einem Zebrastreifen“, „Eine gelbe Banane im Siebdruck“, „Eine brennende Person beim Handschlag“, „Eine Skinny-Jeans mit Reißverschluss“, aber auch unbekannte Cover, zeichnen die Musik- und Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts nach und vermitteln das kongeniale Zusammenarbeiten von Musikerstars und Meistern der Fotografie, wie z.B. U2 und Anton Corbijn, George Michael und Weegee, Roling Stones und Robert Frank.

C/O Berlin - Amerika-Haus, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin, Öffnungszeiten. täglich 11:00 bis 20:00 Uhr, www.co-berlin.org

Kreuzberg - Amerika Werkstatt für Photographie 1976 - 1986

Anlässlich des 40jährigen Jubiläums der Werkstatt für Photographie präsentieren C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen sowie das Sprengel Museum Hannover ein gemeinsames Projekt mit drei Ausstellungen, das erstmals die Entwicklung der Werkstatt und ihrer Schaffenden präsentiert. In der Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ vom 10.12.2016 bis 12.02.2017 wird die die Geschichte der Werkstatt für Photographie aufgearbeitet. Gezeigt werden ca. 250 Exponate, darunter von international renommierten Fotografen, die in der Werkstatt ausgestellt haben (Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William Eggleston, Larry Fink, John Gossage und Stephen Shore). Diese Auswahl wird Bildern von Fotografen, Dozenten und Gästen der Werkstatt gegenübergestellt (Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Forschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst).

1-2-3-4 geben wir den Takt an oder Anton Corbijn`s Drei-Takt-Regel

„Es ist anders mit Anton.
Es kommt von woanders her.
Und wenn ich anders sage, meine ich, dass alles anders ist. Die Herangehensweise, die Haltung, die Vision, das Denken über den Tellerrand hinaus, immer aufgefordert zu werden, sich woandershin zu bewegen..., körperlich, emotional, kreativ“.  - Lars Ulrich (Matallica)

Anton Corbjin ist Fotograf, Musikvideo-Regisseur, Filmregisseur, Grafikdesigner und Bühnenbildner. Er ist in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden und in seinem Metier unverändert populär. Das C/O Berlin  (Ausstellungshaus für Fotografie im Amerika-Haus, Berlin) zeigt sein fotografisches Werk in der zweiteiligen Retrospektive Hollands Deep & 1-2-3-4 mit insgesamt etwa 600 Fotografien, Filmen und weiteren Exponaten. Der Ausstellungsteil Hollands Deep vermittelt einen Überblick über das Gesamtwerk des Künstlers der letzten vier Jahrzehnte (von frühen schwarz-weiß Fotografien bis zu persönlichen Projekten und konzeptionellen Serien). 1-2-3-4 präsentiert Arbeiten aus der Welt der Musik, eine visuelle Reise zu Musik-Künstlern wie U2, Nirvana, Rolling Stones, Metallica, R.E.M., Depeche Mode, Tom Waits, Herbert Grönemeyer etc.

Bereits in den ersten Wochen zählte das Berliner Amerika-Haus mehr als 6000 Besucher der zweiteiligen Retrospektive. Die hierbei erkennbar gewordene  Begeisterung der Besucher, das Schaffen des einflussreichen Fotografen und renommierten Welt-Künstlers so nah erleben zu dürfen, ist bemerkenswert. Die Anfang November 2015 eröffnete Retrospektive ist dem interessierten Besucher noch bis zum 31. Januar 2016 zugänglich. Es handelt sich um die einzige Station der Ausstellung in Deutschland.

Mit der Ausstellung 1-2-3-4 und dem zugehörigen Katalog (erschienen bei Prestel ; zu Hollands Deep gibt es einen gesonderten Katalog, erschienen bei Schirmer/Mosel ) verabschiedet sich Anton – wie seine Protagonisten ihn, das Maß ihrer Wertschätzung des Künstlers hiermit unterstreichend, liebevoll nennen - in gewisser Weise von der Fotografie, um sich voll und ganz seiner neuen Leidenschaft, dem Filmemachen, zu widmen. 

„Fotografie wird für immer meine große Liebe bleiben, aber für den Moment ist der Film meine große Herausforderung.“Corbjin im Interview mit Carel van Hees und Edie Peters. In Lantarenfenster, Rotterdam (11. Februar 2015)

Fast alle Medien haben darüber berichtet wie bekannt und begabt dieser Künstler ist. In seinen Fotografien von Musikern, Künstlern und anderen Kulturschaffenden schimmern „zwischen rauer Körnigkeit, spontaner Unschärfe und harten Kontrasten … in Anton Corbjins Fotos eine tiefe Verletzlichkeit und große Vertrautheit hervor - flüchtige, vielschichtige und unendlich fesselnde Nuancen von Intimität“. – Mirko Nowak (C/O Berlin)

Ich schaue mir die Aufnahmen an und denke, wie ich noch Corbjins künstlerische Vielseitigkeit darzustellen vermag? Ich sehe, ja erlebe ganze Geschichten von Musik so nah vor mir und mir wird bewusst, dass jede verbale Beschreibung hinter den Eindrücken, die durch die Bilder von Anton Corbijn vermittelt werden, zwangsläufig zurück bleiben muss.

Für besonders aufschlussreich halte ich hierbei allerdings Anton´s Drei-Takt-Regel, die eine Art Schlüssel für das Verständnis seiner fotografischen Kunstwerke bildet und die ich deshalb erläutern will. Wenn ich hierbei die von seinen Protagonisten gepflegte Anrede des Künstlers mit seinem Vornamen übernehme, ist dies als Bestätigung der ihm entgegen gebrachten Wertschätzung zu verstehen.

Nach der Anton´schen Drei-Takt-Regel  ist bei fotografischen Portraitaufnahmen folgende Taktfolge zu beachten:

Takt 1
Ein Portrait soll etwas über den Abgebildeten aussagen.

Vier Väter stehen vorne.
Vier Söhne stehen dahinter.
Blaue Wand, weißer Boden - zwei unterschiedliche Farben für zwei Generationen – bilden den farblichen Hintergrund.
Eine Gemeinsamkeit ist die Musik.

„(...) Ich fotografiere Leute, deren Arbeit ich interessant finde. (...) Glamourwelt ist nicht meine. Ich versuche immer, die innere Schönheit von Menschen zu sehen. Die äußere Schönheit hat mich schon oft verwirrt und ich habe mich lange Zeit unwohl gefühlt, wenn ich davon umgeben war. Deshalb habe ich, als ich jünger war, selten Models fotografiert.“  - c/o Berlin Interview 2015

Die vier Väter, die auf Anton´s Aufnahme vorne stehen sind die richtigen Väter der Mitglieder der Musik-Band U2, zugleich aber auch selbst Musiker.

„(...) wir können unserer DNA nicht entkommen, und im Fall der vier Söhne auf diesen Bildern wollen wir das auch gar nicht. (...)“  - Bono (U2)

Anton zeigt mit diesen Aufnahmen wie wichtig die gemeinsamen Interessen zwischen den Menschen sind. Durch diese entsteht emotionales Verständnis, das die Menschen einfach glücklich macht. Obwohl der Künstler selbst keine sehr enge Beziehung zu seinem Vater hatte, schafft er es, brillant die zwischen Vätern und Söhnen zum Ausdruck kommende Harmonie und Dankbarkeit abzubilden.

„(...) das Bild hat das, wofür Anton der absolut beste der Welt ist ... Etwas höchstkomödiantisches/farcehaftes und zugleich eine Ladung Emotionen, wenn sie gerade in einen tiefen Brunnen stürzt. (...)“  - Bono (U2)

Vier Väter
Vier Söhne
Zwei Farben
Zwei Generationen
Tiefe Harmonie der Musik

Takt 2
Ein Portrait soll etwas über den Fotografen aussagen.

Fotos wecken Erinnerungen. Fotos machen Momente lebendig. Fotos rufen nach Inspiration. Sie bringen Zuschauer zum Lachen. Ein Familien-Porträt oder ein Dreiecks-Porträt - Opa, Vater, Enkelkind. Ein sehr authentisches und lebendiges Bild vom Star Lars Ulrich (Metallica). Durch all diese Aufnahmen erfährt der Betrachter zugleich viel darüber, welche Wirkung Anton als Künstler und Mensch auf seine Mitmenschen und – vor allem – seine Protagonisten entfaltet.

„(...) Anton vermittelt einem das Gefühl, auf angenehme Weise zu experimentieren. Da  ist eine gewisse Lockerheit. Eine Bereitschaft, dem Moment zu folgen. Eine impulsive Offenheit mit genau der wichtigen Prise Idee und Überlegung, die sich gegenseitig ausbalancieren. (...)“  -  Lars Ulrich (Metallica)

Anton
ist ein Künstler, dessen fotografisches Schaffen auf dem zwischen ihm und seinem Protagonisten gebildeten Vertrauen basiert. Ohne dieses Vertrauen wäre ihm sein künstlerisches Schaffen gar nicht möglich. Es bildet die Grundlage, auf der sich Anton´s künstlerisches Schaffen überhaupt erst entfalten kann. Dabei ist Anton ein Fotograf, der die Arbeit mit voller Energie und Freude angeht. Er ist einer von ganz wenigen Künstlern der heutigen Zeit, die die Realität so aufnehmen, wie sie ist.

(...) wenn ich zu diesen Fotos zurückkehre, verblüffen mich zwei Dinge. Zum einen die Ästhetik, das Licht, die Komposition .(...) zum anderem (...) wie all die Bilder beinahe dokumentarisch wirken. Sie fangen einen Moment ein oder vielmehr eine Sekunde, ein Aufblitzen, eine Regung. Nichts fühlt sich gestellt an, überlegt, inszeniert oder manipuliert. Es sind da Anton, du und der Augenblick. Was passiert, passiert.(...) Anton hat einige der exemplarischsten, bahnbrechendsten Fotografien geschaffen, die jemals von einem Mensch auf diesem Planeten, in diesem Universum hervorgebracht wurden.(...)“. - Lars Ulrich
(Metallica)

Takt 3
Ein Portrait soll ein neues Bild schaffen, das so noch nie zu sehen war.

Fotos erzählen kurze Geschichten.
Fotos können einfach traurig machen.
Fotos können ältere Sachen immer wieder neu entdecken.

„(...) Ich war gerade 41 geworden, es war 2001 in Los Angelas. Mein Hotelzimmer im Chateau Marmont war anders als mein übliches Zimmer, es hatte Spiegel, die man drehen konnte, um seinen Körper von allen Blickwinkeln aus zu betrachten. Ich hatte mich geduscht und rückte einen Spiegel so hin, dass ich meinen Rücken sah, während ich mich abtrocknete. Ich war schockiert über das, was ich entdeckte. (...)“ - Michael Stipe (R.E.M.)

Als Michael Stipe auf einer Party Anton begegnete und ihm von seiner Spiegel-Begebenheit berichtete, bat Anton ihn, ein Foto von ihm machen zu dürfen, und zwar so, dass man seinen Rücken zu sehen bekam. Michael Stipe war schockiert darüber, wie das Alter sein Aussehen verändert hatte, schockiert

„(...) über die verschattete Beschaffenheit meiner Haut, die Falten und Kerben und die Muskulatur meines Körpers, der seit jenem Morgen der Körper eines Menschen sei, den ich nicht wiedererkannt habe.(...) es freut mich jetzt, meinen 41-jährigen Rücken zu sehen. Sehr habe ich mich nicht verändert.  Das Gespräch mit Anton dauert bis heute an.“ – Michael Stipe (R.E.M.)

R.E.M.,  Metallica, U2 sind alle Weltstars, Musik-Ikonen und gleichzeitig so weit weg vom unbekannten („Normal-„) Bürger. Diese Ferne hat Anton mit seinen Kunstwerken überwunden. Ich sah die Stars aus meiner Kindheit erstmals so nah und aufschlussreich. Ich habe erfahren, wie wichtig für Lars Vertrauen und Authentizität sind, wie Bono Dankbarkeit gegenüber seinem Vater zeigt und wie Michael Stipe ehrlich gegenüber seinem gealterten Körper ist.

Dies im Einzelnen zu vermitteln, vermag Anton mit seinen zahlreichen Fotografien in jeweils überaus beeindruckender Weise.

Dezember 2015 Inga Khapava

Anton Corbijn - Retrospektive - Holands Deep & 1-2-3-4
07.11.2015 - 31.01.2016, C/O Berlin, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin (Amerika-Haus),
Täglich 11.00 bis 20:00 Uhr, www.co-berlin.org
Hollands Deep bietet eine Übersicht des über vierzigjährigen Schaffens Corbijns, von ersten schwarz-weiß Fotografien bis zu den persönlichen Projekten und konzeptuellen Serien. 1-2-3-4 präsentiert Arbeiten aus der Musikwelt, mit teilweise bisher unveröffentlichten Aufnahmen.